Schüttel den Zuckerbaum – Nick Wilgus

4er


Wiley ist schwul, ein erfolgloser Schriftsteller, lebt von Lebensmittelmarken und ist alleinerziehender Vater eines Sohnes. All das macht ihm das Leben im Süden der USA – in Missisippi – nicht gerade einfach. Er ist schrill, laut und offenherzig. Und doch leidet Wiley unter den rigiden Moralvorstellungen der Bevölkerung und seiner bigotten Familie. Hilfe erfährt er nur von engen Freunden, doch das Geld ist knapp und Noahs Mutter hat kein Interesse an ihrem behinderten Kind. Dabei ist sie an seiner Behinderung schuld, denn Noah ist ein sogenanntes Meth-Baby. Sein Überleben gleicht einem Wunder und Wiley liebt seinen tauben und entwicklungsbeeinträchtigten Sohn von ganzen Herzen.

Doch Wiley ist auch einsam und doch weiß er nicht so recht wie er mit dem Kinderkrankenpfleger Jackson umgehen soll, der ihm eines Tages über den Weg läuft und mit dem er sich ziemlich schnell befreundet. Jackson ist ein Nordstaatler, der im Süden einen Neuanfang wagen möchte. Jedoch ist der Anfang schwer und der Kulturschock entsprechend groß. Mit der Bigotterie und den scheinheiligen Frömmigkeit, sowie der konservativen Politik fängt er gar nichts an. Doch da muss er durch. Und er muss sich auch seinen eigenen Ängsten und Abgründen stellen, will er tatsächlich eine Beziehung mit Wiley eingehen.

Schüttel den Zuckerbaum ist eine sehr ungewöhnliche Geschichte mit ungewöhnlichen Protagonisten und einer Sprache, mit der man sich erst anfreunden muss. Wileys Familie ist – um es höflich auszudrücken – eine Katastrophe. Bei der ganzen Scheinheiligkeit, dem Unverständnis und der widerlichen Bigotterie ist mir manchmal richtig schlecht geworden. Einzig der demente Großvater, der ständig Lügengeschichten erzählt und wirklich eine abscheuliche Wortwahl hat, erscheint noch bis zu einem gewissen Grad sympathisch.

Aber es ist auch gleichzeitig eine wunderbare Geschichte. Eine Liebesgeschichte zwischen Vater und Sohn. Zwischen Wiley und Noah, der für mich der Held dieser Geschichte ist. Noah ist taub, kleinwüchsig, mißgestaltet und versteht die Welt ein wenig anders. Die bedingungslose Liebe und die schier unendliche Geduld von Wiley hat mich oft beschämt zurückgelassen.

Nick Wilgus beschreibt Wileys und Noahs Leben wohl sehr realistisch. Beschönt nichts und zeigt auf mit welchen Probleme sich Alleinerziehende herumschlagen müssen. Wie rückständig manche Gegenden in der freien Welt sind und wie hilflos und überfordert man von diesem Leben sein kann. Neben der Vater-Sohn-Beziehung gibt es da noch die Sache mit Jackson, der sich sehr schnell in das Herz von Wiley und Noah schleicht. Doch Jackson ist nicht nur der smarte Sunnyboy. Er hat ein Geheimnis, das seine Beziehung zu Wiley zerstören kann.

Dieser Teil der Geschichte war für mich nicht ganz greifbar und deswegen ziehe ich ihr auch einen Stern ab. Von Wiley erfährt man wirklich sehr viel und man kann sich gut in sein Leben, seine Vergangenheit und seine Gegenwart einfühlen. Jackson hingegen wird nur angerissen und der Grund für seine Sucht bleibt im Verborgenen. Auch seine Erklärungen bleiben vage und das hat bei mir eine gewisse Leere hinterlassen.

Dieses Buch ist wirklich außergewöhnlich und berührt zutiefst. Jedoch sollte man sich auf religiöse Eiferer, Unperfektion und auch wenig Erotik einstellen. Dafür wird man aber mit einer Geschichte über eine bedingungslose Liebe beschenkt.

Verlag: Dreamspinner Press
VÖ: 09/2016
Genre: Contemporary
Seitenanzahl/Print: 365
Serie: Der Zuckerbaum (1)

Ein Gedanke zu „Schüttel den Zuckerbaum – Nick Wilgus

  1. Ja, Jackson bleibt ein bisschen nebulös für uns, das stimmt. Aber es gibt ja noch zwei weitere Teile, die ihn vielleicht ein bisschen mehr beleuchten 🙂
    Ich hab die schon auf meiner Leseliste.

    LG Gabi

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